Reserven aufgebraucht: Wie der Hitzesommer die Schweizer Gletscher bedroht

Veröffentlicht am 16. August 2026 um 17:34

Die Schweizer Gletscher verlieren in diesem Sommer erneut große Mengen an Eis. Besonders gefährdet sind kleine und namenlose Gletscher, von denen nach Einschätzung des Glaziologen Matthias Huss rund 20 bis 30 vollständig verschwinden könnten. Der Grund dafür ist das ungünstige Zusammenspiel aus geringer Schneebedeckung und früher Sommerhitze.

Gletscher gelten als sichtbare Speicher des Klimas. Sie reagieren langsam auf Veränderungen – doch wenn sich ihr Zustand innerhalb weniger Jahre deutlich verschlechtert, zeigt das, wie stark sich die klimatischen Bedingungen verändert haben. In der Schweiz könnte 2026 zu einem der schlechtesten Gletscherjahre seit Beginn der Messungen werden.

Kleine Gletscher besonders gefährdet

Nach Angaben des Glaziologen Matthias Huss befinden sich die Schweizer Gletscher auf dem Weg zur zweitstärksten gemessenen Schmelze. Besonders betroffen sind kleine Gletscher, deren Eisreserven ohnehin begrenzt sind. Huss geht davon aus, dass in diesem Jahr etwa 20 bis 30 dieser Gletscher vollständig verschwinden könnten.

Ein Beispiel ist der Bella-Tola-Gletscher im Wallis. Sein Verschwinden wurde zuletzt öffentlich bekannt. Allerdings lässt sich anhand von Fotos nicht zweifelsfrei feststellen, ob tatsächlich kein Eis mehr vorhanden ist. Unter Geröll können sich noch einzelne Eisreste befinden.

Das Beispiel zeigt jedoch ein grundlegendes Problem: Viele der rund 1.400 Schweizer Gletscher sind sehr klein und teilweise namenlos. Einige von ihnen werden in der öffentlichen Wahrnehmung kaum beachtet – und könnten dennoch innerhalb kurzer Zeit verschwinden.

Vor rund 150 Jahren gab es in der Schweiz noch etwa 1.000 Gletscher mehr. Die Zahl allein vermittelt bereits einen Eindruck davon, wie stark sich die alpine Landschaft verändert hat.

Warum die Schneedecke so wichtig ist

Die diesjährige Entwicklung ist nicht allein auf hohe Temperaturen zurückzuführen. Entscheidend ist vor allem das Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Während des Winters und Frühjahrs konnte sich auf den Gletschern keine ausreichend starke Schneedecke bilden. Schnee schützt das darunterliegende Eis, weil er einen großen Teil der Sonneneinstrahlung reflektiert. Solange eine helle Schneedecke vorhanden ist, wird weniger Sonnenenergie aufgenommen.

Verschwindet der Schnee jedoch früh im Jahr, kommt älteres und dunkleres Eis zum Vorschein. Dieses reflektiert weniger Sonnenlicht und nimmt mehr Wärme auf. Dadurch beschleunigt sich die Schmelze zusätzlich.

Man kann diesen Vorgang als eine Art Rückkopplung verstehen: Weniger Schnee führt zu mehr freiliegendem Eis, das Eis nimmt mehr Energie auf, und dadurch schmilzt noch mehr Eis.

 

Der kritische Wendepunkt kam früh

Wie angespannt die Lage ist, zeigte sich laut dem Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS bereits Ende Juni. Zu diesem Zeitpunkt waren die Schnee- und Eisreserven der Gletscher weitgehend aufgebraucht.

Normalerweise wird dieser Wendepunkt erst im August erreicht. Wenn die Reserven bereits im Juni oder Juli erschöpft sind, bedeutet das, dass die Gletscher den restlichen Sommer praktisch ohne ihren natürlichen Schutz überstehen müssen.

Nur im Rekordjahr 2022 war dieser Zeitpunkt noch früher erreicht worden. Damals verlor die Schweiz rund sechs Prozent ihrer gesamten Gletschermasse. Neben der geringen Schneemenge trugen auch Saharastaub und eine außergewöhnliche Sommerhitze zur historischen Schmelze bei.

Kein neuer Rekord – aber trotzdem ein Warnsignal

Nach derzeitiger Einschätzung dürfte die Gletscherschmelze im Jahr 2026 nicht ganz das Ausmaß von 2022 erreichen. Dafür war die Schneebedeckung heuer etwas höher, und Saharastaub spielte offenbar eine geringere Rolle.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Situation harmlos wäre. Ein Jahr muss keinen absoluten Rekord aufstellen, um dramatisch zu sein. Wenn die Gletscher wiederholt große Mengen an Eis verlieren, wird ihre langfristige Stabilität zunehmend gefährdet.

Gerade für kleine Gletscher kann ein einzelner außergewöhnlich warmer Sommer den entscheidenden Unterschied machen. Wo nur noch wenige Meter oder einzelne Eisfelder vorhanden sind, reichen mehrere ungünstige Monate aus, um einen Gletscher dauerhaft verschwinden zu lassen.

Gletscher sind mehr als eine Landschaftskulisse

Gletscher werden häufig als beeindruckende Naturdenkmäler wahrgenommen. Ihre Bedeutung reicht jedoch weit darüber hinaus.

Sie speichern Wasser in Form von Eis und Schnee und geben dieses Wasser während der wärmeren Monate langsam wieder ab. Damit tragen sie zur Wasserversorgung von Flüssen und Regionen bei. Außerdem beeinflussen sie die Landschaft, den Tourismus und die Stabilität von Gebirgsräumen.

Wenn Gletscher kleiner werden, verändern sich auch die Bedingungen in ihrer Umgebung. Schmelzwasser kann zunächst zunehmen, langfristig steht jedoch weniger dauerhaft gespeichertes Wasser zur Verfügung. Gleichzeitig können freigelegte Felsflächen, instabile Hänge und neue Seen entstehen.

Was bleibt, wenn das Eis verschwindet?

Das Verschwinden kleiner Gletscher mag auf den ersten Blick wie ein lokales Ereignis wirken. Tatsächlich ist es ein sichtbares Zeichen für eine größere Entwicklung. Gletscher reagieren nicht auf politische Debatten oder kurzfristige Versprechen, sondern auf die tatsächlichen Bedingungen in der Atmosphäre.

Ihre Schmelze macht Klimaveränderungen sichtbar – Jahr für Jahr, Sommer für Sommer. Die Frage ist daher nicht nur, ob 2026 ein Rekordjahr wird. Die wichtigere Frage lautet, wie viele weitere Jahre mit starken Eisverlusten die Schweizer Gletscher noch verkraften können.

Wenn bereits heute davon ausgegangen wird, dass 20 bis 30 kleine Gletscher verschwinden könnten, sollte das nicht als bloße Randnotiz behandelt werden. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich die alpine Landschaft dauerhaft verändert.

Der Hitzesommer lässt nicht nur Eis schmelzen. Er lässt auch ein Stück alpiner Geschichte verschwinden.

 

Quellen

  • APA / Der Standard: „Reserven aufgebraucht: Der Hitzesommer lässt zig kleine Gletscher in der Schweiz verschwinden“, veröffentlicht am 14. August 2026, 09:00 Uhr. Link zum Artikel: Der Hitzesommer lässt zig kleine Gletscher in der Schweiz verschwinden - Klima - derStandard.at › Wissenschaft

  • Matthias Huss, Glaziologe, im Artikel zitierte Einschätzungen zur Entwicklung der Schweizer Gletscher.

  • GLAMOS – Schweizerisches Gletschermessnetz, im Artikel angeführte Berechnungen zu den Schnee- und Eisreserven.

  • Angaben zum Schweizer Gletscherinventar und zur historischen Entwicklung, wie im bereitgestellten Artikel wiedergegeben.

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